Von „Im Anfang war das Wort“ bis Orwell'sches Neusprechdiktat
Im griechischen Urtext des Neuen Testaments der Bibel lautet der Satz „Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος“ ins Deutsche übersetzt, „Im Anfang war das Wort“. Das ist der berühmte Eröffnungsvers des Johannesevangeliums (Joh. 1,1). „Logos“ bedeutet auf Deutsch „Wort, Rede, Sinn oder Vernunft“. Anstatt „Im Anfang war das Wort“ kann man auch „Im Anfang war der Sinn“ lesen. Der Sinn!
Vor etwa 1 bis 1,8 Millionen Jahren haben sich erste rudimentäre, sprachähnliche Laute beim Homo habilis oder Homo erectus entwickelt; vor 50.000 bis 150.000 Jahren eine komplexere Sprache beim Homo sapiens. Sprache hat sich aus der Notwendigkeit heraus entwickelt sich verständlich zu machen, vorrangig um Inhalte und Sinn zu transportieren. Warnungen für Artgenossen vor Feinden oder Wegbeschreibungen war dieser Sinn. Zuerst war der Sinn und aus ihm entwickelte sich die Sprache. Sprache unterliegt seit jeher dem Wandel; sie veränderte sich von Anbeginn über einen langen Zeitraum und primär unterlag und unterliegt sie dem Sinnhaften. Von einfachen Sprechlauten des Frühmenschen Homo habilis oder Homo erectus bis Goethe und Schiller die die deutsche Sprache auf das literarische Niveau hoben, das maßstäblich kulturbildend für die Jetztzeit wurde.
Zuerst also war der Sinn und aus ihm heraus entwickelte sich die Sprache: das althochdeutsche „frīheit“ wurde zum mittelhochdeutschen „vrīheit“, daraus das frühneuhochdeutsche „Freyheit“, schließlich zum neuhochdeutschen „Freiheit“. Die Begriffe ändern sich, jedoch nicht ihr Sinngehalt. Die Sprachlehre ist das grundlegende Regelwerk einer Sprache, das Struktur, Aufbau und korrekte Anwendung von Wörtern und Sätzen festlegt. Sie regelt wie Wörter gebildet werden. Sprachlehre stammt vom Griechischen „grammatiké téchne“, was „Kunst des Schreibens“ oder „Lehre von den Buchstaben“ bedeutet.
Einen wesentlichen Anteil an der deutschen Sprache wie wir sie heute kennen, hatten:
- Bischof Ulfilas (4. Jh.) der die erste germanische Schriftsprache schuf, indem er die Bibel in gotischer Sprache verfasste, was als Vorläufer der Sprachwerdung gilt.
- Walther von der Vogelweide (ca. 1170–1230), Minnesänger des Mittelalters trug durch seine Lyrik und Sangspruchdichtung wesentlich zur Entwicklung einer einheitlichen mittelhochdeutschen Literatursprache bei.
- Meister Eckhart (ca. 1260–1328) predigte und schrieb einen bedeutenden Teil seines Werkes auf Deutsch. Mit seinen mittelhochdeutschen Predigten und Traktaten wollte der Dominikaner theologische Wahrheiten über Gott und die Seele auch den „einfachen Leuten“ zugänglich machen.
- Johannes von Tepl (ca. 1350–1415): Bekannt für „Der Ackermann aus Böhmen“, wird als ein früher Vertreter der neuhochdeutschen Schriftsprache im 14. Jahrhundert genannt.
- Martin Luther (1483–1546) gilt als der einflussreichste Gestalter der neuhochdeutschen Schriftsprache. Durch seine Bibelübersetzung schuf er eine für weite Teile Deutschlands verständliche Einheitssprache, indem er regionale Dialekte verband.
Die bedeutendsten deutschen Sprachpfleger Joachim Heinrich Campe (1746–1836) und Philipp von Zesen (1619–1689) haben zahlreiche Fremdwörter eingedeutscht. Sie prägten Begriffe wie „Anschrift“ für Adresse, „Erdgeschoss“ für Parterre, „Ergebnis“ für Resultat, „Stelldichein“ für Rendezvous, „Zerrbild“ für Karikatur, „Mundart“ für Dialekt oder „Zeitgeist“ für „genius saeculi“, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm verfassten das erste Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Deutsche Wörterbuch („DWB“), auch „Grimmsches Wörterbuch“ genannt, ist das größte und umfassendste Wörterbuch der deutschen Sprache, das den Wortschatz von etwa 1450 bis zur Moderne umfasst. Das DWB der Gebrüder Grimm umfasst in seiner ursprünglichen veröffentlichten Ausgabe insgesamt 33 Bände; es enthält über 320.000 Stichwörter bzw. Eintragungen.
Nochmal: Zuerst war der Sinn und aus ihm entwickelte sich die Sprache. Nicht umgekehrt.
In jüngster Zeit entstanden urplötzlich Diskussionen über eine sogenannte „geschlechtergerechte“ Sprache weil Sprache ungerecht sei, so die mediale Erzählung. Seit 30 bis 35 Jahren wird dieses Verhältnis umgekehrt, auf den Kopf gestellt, pervertiert. In den 1990er/2000er Jahren durch Einführung des Gender-Gap (Binnen_ und Binnen/) und später des Gendersternchens (Binnen*), initiiert aus englischsprachigen, sogennanten LGBT-Communities. LGBTQ ist ein englisches Akronym für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer. Ab den 2010er Jahre bis 2020 folgte der Gender-Doppelpunkt (Binnendoppelpunkt) und das Sternchen verbreiten sich stärker in Verwaltung, Medien und Alltag. Auf Deutsch steht die Bezeichnung für lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie sog. queere Menschen; wobei „Mensch“ im allgemeinen Sprachgebrauch gewisser Kreise mittlerweile durch „Person“ ersetzt wurde. Bald wurde LGBTQ mit I und + erweitert. Ursprünglich war „Queer“ ein englisches Schimpfwort; in den 1990er Jahren wurde der Begriff umgedeutet.
Was nun folgt ist eine unsinnstiftende Sprache um die Weltsicht unserer Kultur zu prägen. Sprache soll nicht mehr Sinn transportieren, Unsinn soll Sprache transportieren: Aus transsexueller Mann wird „Transfrau“, aus Mutter und Vater wird „Elternteil 1“ und „Elternteil 2“, die Medien berichten von „Samenspender*innen“, im Fernsehen wird eine „Krankenschwester:in“ interviewt, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Die Auswüchse sind allerorten zu beobachten, z.B. wurde das Substantiv „Zuschauende“ als substantiviertes Partizip im Zuge der verstärkten Aufnahme „geschlechtergerechter“ Bezeichnungen als eigenständiges Stichwort in das Online-Wörterbuch des Duden ca. 2020/2021 aufgenommen. Es wird dort als sogenannte „geschlechtsneutrale“ Bezeichnung für „Personen verwendet, die einer Darbietung zuschauen“. Am 1. November 2024 gipfelte der Irrsinn in das sogenannte Selbstbestimmungsgesetz, das allen Bürgern bei Nichteinhaltung empfindliche Geld- oder Gefängnisbußen auferlegt, die das Orwell'sche Neusprechdiktat nicht befolgen.
Sprache unterliegt seit jeher dem Wandel - so die vordergründige Lesart - sie verändert sich jedoch nicht, sie zerfällt. frīheit - vrīheit - Freyheit - Freiheit wird zu Unfreiheit der Rede umdeklariert. „Man kann in Deutschland eigentlich alles sagen. Man muss halt manchmal mit den Konsequenzen rechnen.“ (Dunja Hayali 29.Januar 2022), „There is freedom of speech, but I cannot guarantee freedom after speech.“ - (Idi Amin, Januar 1971). Dem Begriff „Freiheit“ wird in einem Satz sein ursprünglicher Sinn genommen, indem Freiheit nicht mehr unbedingt, sondern bedingt ist.
Das Konzept des „Doppeldenk“ zwingt Bürger, widersprüchliche Fakten gleichzeitig zu glauben. Orwell'sches Neusprech ist die Umdefinierung der Sprache wodurch kritisches Denken verunmöglicht wird, da Begriffe für das Wahrgenommene umdefiniert werden. Die Politik verlangt durch Gesetzte, den Beweisen der eigenen Augen und Ohren nicht zu trauen, was die Basis für den totalen Wahrheitsverlust bildet. Du siehst einen Mann und liest „Frau“. Lüge ist Wahrheit, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke, Gegensätze werden durch staatliche Propaganda verschmolzen.
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„Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei gleich vier ist.“ (George Orwell).
Wenn Du nicht die Freiheit hast zu sagen, dass ein Geschlecht plus ein Geschlecht gleich zwei Geschlechter ist, lebst du in Unfreiheit. Das Ziel ist eine Wertlosgesellschaft durch Begriffe unter dem Deckmantel einer Wertegemeinschaft durch Märchen-Erzählungen. Man sprach nicht umsonst immer von Wort„Schatz“ – dieser ist uns nun endgültig geraubt worden. Das Resultat ist die totale Entwertung aller Werte.
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Thomas Sonnabend
